Meinung

Zu wenig, zu spät, zu lasch(et) – ein Brücken-Lockdown ist nicht genug

Einen harten Lockdown bräuchte es jetzt, um die dritte Corona-Welle abzufedern. Stattdessen enttäuscht Armin Laschet mit Wortspielen. Das ist zu wenig, meint unsere Redakteurin.

Über Ostern wollte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nachdenken – über die Corona-Pandemie und weitere Maßnahmen, denn die Infektionslage ist ernst. Mehr als Gags auf Twitter über den grübelnden Laschet kam dabei aber offenbar nicht herum. Dass eine wirkliche Lösung nach Ostern präsentiert würde, damit hatten wohl auch die wenigsten Bürger gerechnet. Dennoch war nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch unter Politikern und Experten die Irritation groß, als der mögliche Kanzlerkandidat Laschet dann plötzlich mit einer ganz neuen Wortschöpfung um die Ecke kam.

Mit einer chirurgischen Maske ausgestattet präsentierte der CDU-Mann am Ostermontag im Impfzentrum in Aachen seine Vorstellung von einer adäquaten Bekämpfung der dritten Corona-Welle: „Brücken-Lockdown“ heißt das neuste Zauberwort. Ein Lockdown, der als Brücke bis zu der Zeit diene, in der mehr Menschen geimpft sein würden. Diese neuste Lockdown-Variante könne bis Mai, aber vielleicht auch bis Juni andauern. Die vagen Aussagen des CDU-Landeschefs ließen auch den Wirtschaftsexperten Clemens Fuest erstaunt zurück: Der ifo-Chef kritisierte Laschets Idee bei der Tagesschau als „planlos“ und die bisherige Pandemie-Bekämpfung in Deutschland als „völlig unzureichend“.

Armins Laschets Idee – eine vage Brücke ins Nirgendwo

Welche Bereiche des Lebens Laschet weiter beschneiden wollen würde, und welche nicht, war leider bereits abzusehen: Das Private und der Freizeitbereich sollten laut Laschet weiter eingeschränkt werden, während in Kitas, Schulen und Betrieben eigentlich alles so bleiben würde wie bisher. Dabei hatte erst vor Kurzem RKI-Chef Lothar Wieler deutlich gemacht, dass die Infektionen in genau diesen Bereichen nachweislich steigen würden. Warum werden dennoch keine verbindlichen und strikten Maßnahmen ergriffen? Wieso werden wissenschaftliche Erkenntnisse so vehement ignoriert?

Es ist noch viel schlimmer: Zuvor war, trotz eindringlicher Warnungen von Experten, in ganz Deutschland in die dritte Corona-Welle hinein gelockert worden. Als Ausweg vor einer tatsächlichen Durchsetzung der eh schon zu laschen Notbremse dienten zum Beispiel in NRW Teststrategien und die Einführung von „Modellregionen“. Kurz gesagt bedeutete das: Während das Haus bereits in Flammen stand, wurde fleißig gelüftet. Löschen wäre die bessere Alternative gewesen. Länder wie Portugal und Irland machten es vor.

Coronavirus in Deutschland: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet schlug einen „Brücken-Lockdown“ vor.

Corona-Maßnahmen: Zu spät, „zu Laschet“ – es muss endlich etwas passieren

Zu kurz gedacht, zu spät, zu einseitig, zu lasch kommen Laschets Vorschläge daher, aus denen aber vorerst wahrscheinlich eh nichts werden wird. Während Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) trotz der derzeitigen Infektionslage keine Eile für eine vorgezogene MPK sieht – zumindest nicht wegen Laschets Vorstoß –, ignoriert übrigens Sachsens Chef Michael Kretschmer (CDU) neuerdings die Inzidenzen und orientiert sich bei den Maßnahmen-Verschärfungen an den belegten Intensivbetten in seinem Bundesland. Die zeitliche Verzögerung (Latenz), die zwischen einer Coronavirus-Infektion und der Einweisung ins Krankenhaus liegt (im Schnitt mehrere Tage), ist offenbar noch immer nicht von allen Regierenden so wirklich verstanden worden.

Es müssen harte und wirksame Maßnahmen gegen das exponentielle Wachstum ergriffen werden. Jetzt. Und dann nicht nur im Privaten, sondern auch in allen anderen Bereichen, in denen es zu Kontakten kommt. Diese halbherzigen Dauer-Einschränkungen samt Berufsverboten seit November (!), die mit „Lockdown“ eigentlich völlig falsch beschrieben werden, ziehen nicht nur wirtschaftliche Schäden nach sich, sondern kosten Menschenleben. Bleibt also nur zu hoffen, dass sich Laschets Idee, die neuste Wortmutation „Brücken-Lockdown“, nicht weiter unter den Entscheidungsträgern verbreitet. Deutschland braucht keine Wortspiele, sondern echte, nachhaltige, wirksame Maßnahmen – denn die Zeit rennt.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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