Die Klima-Kolumne (3)

Mit schlechten Argumenten zum guten Gewissen – denkt doch, bevor ihr redet!

Avocado im Supermarkt
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Die Avocado gehört mittlerweile in jeden Supermarkt. Auch ich esse die Superfrucht – obwohl sie importiert wird. Macht mich das zum Klimasünder?

Das schlechte Gewissen loswerden ohne die eigene Komfort-Zone zu verlassen? Das gelingt Menschen am besten, wenn sie auch bei "Gutmenschen" einen Fehler finden. Aber so kommen wir im Kampf gegen den Klimawandel nicht weiter.

Münster – "Du isst Avocados, wie passt das denn zusammen?", fragt das Mädchen schnippisch. Ich sehe ihr an, dass sie sich überlegen fühlt. Sie hat ein Argument gegen mich gefunden, das mich entlarven soll – als Betrüger. Da spreche ich immer vom Kampf gegen den Klimawandel und dann esse ich Avocados. Potztausend.

Denn natürlich ist es schön und gut, dass ich keine Tierprodukte esse. Nicht mehr in ein Flugzeug steige. Seit Jahren nur noch Second-Hand-Kleidung kaufe. Fahrrad, Bus und Zug fahre. Im Unverpackt-Laden oder auf dem Markt meine Lebensmittel hole. Zu 90 Prozent Bio-Produkte wähle. Aber dann mal eine Avocado zum Frühstück? Das ist inkonsequent. Sie hat mich ertappt.

Auch Avocados fördern den Klimawandel

Ja, ich esse Avocados. Macht mich das zum Klimasünder? Selbstverständlich bin ich mir dessen bewusst, dass sie nicht in Deutschland wachsen, sondern aus Mexico oder Peru importiert werden. Ganze 45.000 Tonnen waren es im Jahr 2015, Tendenz steigend. Das Superfood ist nicht nur aus sozialer Sicht eine Katastrophe, weil es mittlerweile auf der Agenda der Kartelle steht, sondern auch aus ökologischer: 

  • Für den Anbau von einem Kilo Avocados werden rund 1000 Liter Wasser verbraucht. 
  • Für den Anbau werden zahlreiche Wälder gerodet und damit CO2 freigesetzt.
  • Der Transport nach Deutschland dauert über einen Monat, in welcher die Avocado künstlich gekühlt und mit der Chemikalie Ethen besprüht werden.

Verzicht! Der Kampf gegen den Klimawandel

Als ich diese Aspekte zum ersten Mal hörte, habe ich der Avocado sofort abgeschworen. Aber warum dort aufhören? Dann müsste ich doch auch auf Kaffee verzichten. Auf Bananen, Mangos, sogar Paprika. Im Idealfall esse ich dann nur noch, was vor meiner Haustür wächst – also Äpfel, Möhren, Kartoffeln, Speisezwiebeln, Weißkohl und Salate, Wein und Hopfen. Denn diese Lebensmittel werden auf deutschen Feldern angebaut. 

Tomaten, Gurken und Paprika hingegen kommen aus dem Gewächshaus, welche Treibhausgas ausstoßen und damit nicht infrage kommen. Wenn ich also alles richtig machen möchte, um meinen CO2-Ausstoß auf ein Minimum zu reduzieren und den Klimawandel aufzuhalten, dann muss ich nackt im Wald leben, auf Bäumen schlafen und mich von Beeren ernähren. Das ist aber keine realistische Alternative, deshalb kann ich es gar nicht zu 100 Prozent "richtig" machen. Ich kann mich nur annähern – womit ich zurück zur Avocado komme. 

Klimawandel: Was hat mehr Auswirkungen?

Nach Angaben des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg fallen für eine einzelne Avocado – 160 Gramm ohne Kern und Schale – rund 80 Gramm CO2 an. Ist das nun viel oder wenig? Das zeigt der Vergleich: Dieser Wert entspricht einer Autofahrt von 600 Metern mit einem Benziner, der sechs Liter auf 100 Kilometern verbraucht. Da wüsste ich aber, welcher Verzicht für den Klimawandel sinnvoller ist.

Wen das noch nicht überzeugt, der sollte sich die Frage nach der Alternative stellen: Statt einer Avocado könnte ich zu meinem Brot natürlich auch die gleiche Menge an Butter und Schinken von deutschen Tieren essen. Das wären dann 970 Gramm – statt 80 Gramm – an C02. Klingt das besser? Wohl kaum. 

Im Kampf gegen Klimawandel hilft jeder Schritt

Selbstverständlich ist es sinnvoll, sich regional und auch saisonal zu ernähren. Erdbeeren im Winter? Das ist ein absurder Luxus, den die meisten Menschen gar nicht mehr wahrnehmen und deshalb auch den Klimawandel nicht verstehen. Nur bitte, seht euch die Verhältnisse an, bevor ihr ein Argument aufmacht. Denn zwar werden für ein Kilo an Avocados rund 1000 Liter verbraucht, für ein Kilo an Rindfleisch sind es allerdings um die 15.500 Liter

Wenn jemand für die gute Sache kämpft und bereit ist, seinen Lebensstil im Kampf gegen den Klimawandel zu ändern, muss er dann wirklich alles perfekt machen und auf alles verzichten? Solche Argumente sollen doch nur dem Sprecher dabei helfen, sich selbst besser zu fühlen – denn der Klimaschützer macht es ja auch nicht ganz richtig. Damit bleibt einem der kritische Blick auf das eigene Ich erspart und es muss nichts geändert werden. Glückwunsch, so wird sich die Welt bestimmt nicht ändern. Das musste auch das arme Mädchen einsehen, nach dem ich meinen einstündigen Vortrag beendet hatte. 

Lisa Fraszewski

Alle weiteren Texte der "Klima-Kolumne" gibt's in dieser Übersicht. In der letzten Ausgabe ging es das Wetter, denn die Hitze des Junis war ein deutliches Anzeichen für den Klimawandel – und kein normaler Sommer

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