Die Klima-Kolumne (6)

Der Regenwald brennt, na und? 

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Der Regenwald in Brasilien brennt. Doch interessiert und das wirklich

Der Regenwald in Brasilien brennt und treibt damit den Klimawandel voran. Doch interessiert uns das wirklich – oder tun wir nur so?

Dieses Heuchelei geht mir auf die Nerven. Seit Tagen werden die Medien, die sozialen Netzwerke, das Internet mit Meldungen über die Brände im Amazonas-Regenwald geflutet. Es gibt traurige Bilder, emotionale Statements, herzergreifende Warnungen zum Klimawandel. Jeder teilt fleißig seine Anteilnahme an dieser Katastrophe bei Facebook. Ich bitte euch: Tut doch nicht so, der Regenwald ist uns egal. 

Zwischen dem Amazonsgebiet und Deutschland liegen rund 9200 Kilometer. Eine Flugreise von Berlin nach Manaus in Brasilien ist nur mit Zwischenstopps möglich und dauert rund 24 Stunden. Der Regenwald ist zwar sehr interessant, aber bestimmt keine Touristenattrakation. Warum interessiert es uns, wenn ein Wald am anderen Ende der Welt brennt? 

Klimawandel: Regenwald seit Jahren in Gefahr

Tut es nicht, gebt es doch zu. Hätte uns der Regenwald jemals interessiert, würden wir seit Jahren betroffene Posts zum Klimawandel in den sozialen Netzwerken teilen, die Medien müssten jeden Tag berichten. Denn dieser Dschungel ist 55 Millionen Jahre alt, doch seit den 1960ern bemüht sich die Menschheit um seine Zerstörung. Das Gebiet erstreckt sich über eine Fläche von 5,5 Millionen Quadratkilometern und liegt in neun Ländern, die an seiner Vernichtung maßgeblich beteiligt sind. 

Land

Anteil

Brasilien

60 Prozent

Peru

13 Prozent

Kolumbien

10 Prozent

Venezuela

Ecuador

Bolivien

Guyana

Suriname

Französisch-Guyana

Rest

Die Menschen vor Ort holzen das Gebiet ab, um Fläche für die Viehzucht (rund 90 Prozent) sowie Siedlungen und landwirtschaftlichen Anbau (besonders Soja und Palmöl) zu schaffen. Die Folgen für den Klimawandel? Völlig egal. 1991 hatte der Regenwald durch das menschliche Eingreifen bereis 415.000 Quadratkilometer seiner Fläche verloren, 2000 waren es schon 587.000 Quadratkilometer. 

Regenwald als wichtiger Faktor beim Klimawandel

Obwohl die Entwaldung des Amazonas-Regenwaldes in Brasilien im Kampf gegen den Klimawandel seit 2004 massiv abgenommen hat, wächst sie seit dem Amtsantritt von Regierungschef Jair Bolsonaro wieder. Zwischen August 2017 und Juli 2018, also innerhalb von zwölf Monaten, hat der brasilianische Regenwald insgesamt 7900 Quadratmeter verloren – das entspricht einer Fläche von mehr als einer Million Fußballfeldern. 

Trotzdem hat Bolsonaro gerade 44.000 Soldaten in das Gebiet geschickt, um die Brände im Amazonas zu verhindern. Wie kommt es, dass derselbe Mann den Urwald zwar abholzen, aber Brände bekämpfen lässt? Weil die Welt genau so funktioniert.

Klimawandel: Regendwald bis 2075 auf 5 Prozent geschrumpft

Erst wenn eine Katastrophe aufkommt, reagieren die Menschen – und dass es sich bei dem Brand des Regenwaldes um eine Katastrophe (nicht nur im Sinne des Klimawandels) handelt, steht außer Frage. Das Gebiet um den Amazonas weist die größte Biodiversität aller tropischen Wälder auf: 

  • 2,5 Millionen Arten Insekten
  • zehntausenden Pflanzen 
  • 2.000 Vögeln und Säugetieren
  • mindestens 40.000 Pflanzen
  • 3.000 Fische
  • 1.294 Vögel
  • 427 Säugetiere
  • 428 Amphibien
  • 378 Reptilien

Bei diesen Zahlen handelt es sich lediglich um die Tiere und Pflanzen, die bereits von Wissenschaftlern klassifiziert worden sind. Es könnte noch unzählige Arten geben, die nicht bekannt sind – und es durch die akute Bedrohung auch niemals werden. Experten schätzen, dass bis 2025 rund 75 Prozent des einstigen Amazonas-Regenwaldes dauerhaft verloren seien werden, bis 2075 werden es 95 Prozent sein. 

Damit wären beinahe 18 Prozent der globalen Waldfläche, die der Regenwald im Amazonas derzeit ausmacht, vernichtet. Diese Entwicklung trat bereits ein, bevor die Welt über eine Rekordzahlen an Bränden im Regenwald debattierte. Es stimmt: Mehr als 72.000 Brände hat es in diesem Jahr schon gegeben, der höchste gemessene Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2013. 

Brände im Regenwald fördern den Klimawandel

Wenn der Regenwald nun durch Brände stirbt, dann beschleunigt das nur ein Problem, das es eh schon gab: Auf der gesamten Fläche werden fast 80 Milliarden Tonnen an Kohlenstoff gebunden. Verschwindet der Regenwald, werden große Mengen an CO2 freigesetzt – und das beschleunigt den Klimawandel.

Amazonas-Brände: Bolsonaro empört über Hilfsangebot der G7

Verkohlte Bäume stehen in der Region Alvorada da Amazonia. Foto: Leo Correa/AP
Verkohlte Bäume stehen in der Region Alvorada da Amazonia. Foto: Leo Correa/AP © Leo Correa
Dieses Satellitenbild von Planet zeigt das gewaltige Ausmaß der Brände in der Region Novo Bandeirantes. Foto: Planet Labs Inc
Dieses Satellitenbild von Planet zeigt das gewaltige Ausmaß der Brände in der Region Novo Bandeirantes. Foto: Planet Labs Inc © -
Flammen lodern in einem Waldgebiet im Bundesstaat Rondonia. Foto: Eraldo Peres/AP
Flammen lodern in einem Waldgebiet im Bundesstaat Rondonia. Foto: Eraldo Peres/AP © Eraldo Peres
Rinder stehen in der Region Alvorada am Waldrand, aus dem Rauch aufsteigt. Foto: Leo Correa/AP
Rinder stehen in der Region Alvorada am Waldrand, aus dem Rauch aufsteigt. Foto: Leo Correa/AP © Leo Correa
Flammen lodern in einem Waldgebiet am Rand eines Highways. Foto: Andre Penner/AP
Flammen lodern in einem Waldgebiet am Rand eines Highways. Foto: Andre Penner/AP © Andre Penner
Ein Mann protestiert mit einer Gasmaske und einem Schild mit der Aufschrift "Unser Amazonas nicht!" in der Stadt Porto Velho. Foto: Dario Oliveira/ZUMA Wire
Ein Mann protestiert mit einer Gasmaske und einem Schild mit der Aufschrift "Unser Amazonas nicht!" in der Stadt Porto Velho. Foto: Dario Oliveira/ZUMA Wire © Dario Oliveira
Tanzend demonstrieren Menschen in Rio de Janeiro gegen die Umweltpolitik von Präsident Bolsonaro. Foto: Bruna Prado/AP
Tanzend demonstrieren Menschen in Rio de Janeiro gegen die Umweltpolitik von Präsident Bolsonaro. Foto: Bruna Prado/AP © Bruna Prado
Eine Frau in São Paulo hat sich den Slogan der Demonstranten ins Gesicht gemalt. Foto: Xinhua/NOTIMEX
Eine Frau in São Paulo hat sich den Slogan der Demonstranten ins Gesicht gemalt. Foto: Xinhua/NOTIMEX © Xinhua
Verkohlte Bäume nach einem Waldbrand in der Region Vila Nova Samuel. Foto: Eraldo Peres/AP
Verkohlte Bäume nach einem Waldbrand in der Region Vila Nova Samuel. Foto: Eraldo Peres/AP © Eraldo Peres

Es wäre großartig, wenn die Menschen endlich ihren Schaden an der Welt erkennen und die brasilianische Regierung in die Verantwortung nehmen, um den Regenwald zu schützen – beispielsweise durch politischen Druck. Sie könnten jedoch auch auf Produkte aus Palmöl und Soja (das im Übrigen besonders als Futtermittel genutzt wird) verzichten. 

Doch sobald die Berichterstattung endet, werden die Menschen wieder Nutella und Fleisch essen. Dass der Regenwald stirbt, obwohl sie doch bei Facebook gepostet haben, ist dann wieder vergessen. Wir werden bis zur nächsten Katastrophe warten müssen, um wieder über den Klimawandel sprechen zu können. 

Lisa Fraszewski

Alle Artikel der "Klima-Kolumne" finden Sie in dieser Übersicht. Sie wurde erst vor Kurzem ins Leben gerufen, weil die Autorin sich nicht weiter mit dem Klimawandel abfinden wollte. Zuletzt gratulierte sie der Menschheit im Kampf gegen den Klimawandel zum "Earth Overshot Day", an dem die Ressourcen des Jahres bereits vor seinem Ablauf aufgebraucht waren.

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