Klima-Kolumne (4)

Warum wir nicht mehr vom "Klimawandel" sprechen sollten 

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Einfach weitermachen? Die Passagierzahlen der Airline steigen – trotz Klimawandel. Denn dieses Wort verharmloste unsere aktuelle Lage. 

Ja, Klimawandel hat es schon immer gegeben. Tatsache. Doch sollen wir deshalb die Hände in den Schoss legen? Es ist längst Zeit, um zu handeln – doch vorher brauchen wir ein neues Wort.

Erst vor einigen Woche habe ich große Töne gespuckt: "Nein, das ist kein normaler Sommer – das ist der Klimawandel", habe ich meinen Lesern in Form zahlreicher Buchstaben auf ihrem Bildschirm entgegengeschrien. Damals war ich noch wütend, mittlerweile bin ich eher frustriert. 

In der aktuellen Debatte zur Umweltpolitik kommen die absurdesten Argumente gegen den Klimawandel auf, um dem Sprecher das Gewissen zu erleichtern. Auch darüber habe ich mich schon ausgelassen. Es gibt zwei Arten von Menschen, die vor unserer aktuellen Situation die Augen verschließen: die Leugner und die Relativierer. 

Während die einen schlichtweg behaupten, es gäbe gar keinen Klimawandel und mit Fakten auch nicht vom augenscheinlichen Gegenteil zu überzeugen sind, versuchen die anderen unsere Lage zu verharmlosen: "Klimawandel hat es immer schon gegeben", heißt es dann. Das Problem ist: Sie haben recht. Die Prämisse ist völlig richtig, nur die Konklusion ist falsch. 

Fünf Trugschlüsse zum Klimawandel

Tatsächlich hat sich das Klima unserer Erde im Verlauf ihrer 4,6 Milliarden Jahre langen Existenz schon oft geändert. Doch dieses Argument soll uns die Vorstellung vermitteln, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Klimawandel? Das ist normal. Das ist harmlos. Die Natur passt sich an. Einfach weitermachen wie bisher. 

Otto Wöhrbach, freier Autor für die Online-Ausgabe von "Die Zeit", hat sich mit seinem Artikel "Erderwärmung? Hat's doch schon immer gegeben!" diesem Thema gewidmet und fünf Trugschlüsse aufgelistet: 

  • Zeiten des Klimawandels sind harmlos
  • Klimawandel ist gleich Klimawandel
  • Die Entwicklung ist jederzeit aufzuhalten
  • Der Anstieg der Treibhausgase ist ein natürlicher Vorgang
  • Die Natur kann sich anpassen

All diese Aspekte stimmen nicht, sie sind ein Irrglaube. Ja, es hat Klimawandel auch früher schon gegeben – aber nicht so rasant, nicht mit knapp sieben Milliarden Menschen auf der Erde und immer mit Konsequenzen. Und genau darum geht es! Natürlich kann ich mich zurücklehnen und sagen: "Klimwandel, na und? Ist mir doch egal, wenn die Welt in 100 Jahren untergeht. Da bin ich eh tot." Aber dann muss ich halt mit dem Gewissen leben, für einen Genozid mitverantwortlichen zu sein. 

Das ist mehr als ein Klimawandel, das ist Mord

Wie sagte Hagen Rether einst? "Wir wollen Kinder kriegen und auch in Urlaub fahren und auch grillen. Während wir mit unseren Kindern grillen, grillen wir ihnen die Zukunft weg." Das muss uns doch bewusst sein! Denn der Generationenvertrag scheint sich aufzulösen: Wir leben heute auf Kosten unserer Nachkommen. Denn der "Greta-Effekt" hat sich nur auf unseren Facebookstatus, nicht aber auf unser Verhalten ausgewirkt: Die Passagierzahlen bei Lufthansa und EasyJet steigen weiterhin

Doch das alles lässt sich in dem Wort "Klimawandel" nicht vereinen. "Klima" ist etwas Abstraktes und "Wandel" eine langsame Entwicklung, die doch eigentlich positiv ist. Wir sollten also viel eher von einer nahenden Katastrophe, einer Krise sprechen – wir haben es auch nicht den "Flüchtlingswandel" genannt. Doch warum der Unterschied? Weil wir derzeit noch VOR dem Problem stehen, aber noch nicht mittendrin sind. 

Außerdem geht es um mehr als nur das Klima: Es geht um unsere Zukunft, unsere Nachkommen. Was hinterlassen wir unseren Kindern, unseren jüngeren Mitmenschen? Sprechen wir also nicht mehr vom "Klimawandel", wenn wir ein viel größeres Problem meinen: Die Zerstörung der Grundlage menschlichen Lebens. Nennen wir es Klimakrise. Nachhaltigskeitskrise. Zukunftskrise. Oder ganz kurz: Mord. 

Lisa Fraszewski

Alle Artikel der "Klima-Kolumne" finden Sie in dieser Übersicht. Sie wurde erst vor einigen Wochen ins Leben gerufen, weil die Autorin sich nicht weiter mit dem Klimawandel abfinden wollte. Sie forderte: Hört auf, diesen Planeten zu ruinieren! 

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