Kindesmissbrauch

Missbrauchsfall in Münster: Experte fordert mehr Fachstellen für Prävention

60 Prozent aller Sexualstraftaten in Deutschland werden an Kindern verübt. Um eine bessere Prävention sicherzustellen, fordert ein Experte mehr Fachstellen für Straftäter wie Adrian V aus Münster.

  • Der Missbrauchsfall aus Münster hat bundesweit für Entsetzen gesorgt.
  • Stimmen nach härteren Strafen wurden nach Bekanntwerden der Taten laut.
  • Ein Diplom-Psychologe fordert eine bessere Prävention gegen Missbrauch

Münster – Als Adrian V. vor wenigen Wochen in der Domstadt festgenommen wurde, war den Ermittlern das Ausmaß noch nicht klar, mit dem sie später konfrontiert würden. 300.000 Stunden an Videomaterial wurde in der Gartenlaube in Münster-Kinderhaus gefunden, zahlreiche weitere Männer sind im Missbrauchsfall involviert. Ein Experte fordert nun eine bessere Prävention.

"Statt längerer Haftstrafen brauchen wir mehr Möglichkeiten, Täter gut zu diagnostizieren und früh Prognosen über ihre Rückfallwahrscheinlichkeit zu erstellen", betont Diplom-Psychologe Markus Feil, Leiter der Münchner Fachambulanz, gegenüber dem Sonntagsblatt. Nach dem schlimmen Missbrauchsfall in Münster wurden in der Politik Stimmen laut, die härtere Strafen für Kindesmissbrauch forderten. In dem Fall hat es eine weitere Festnahme gegeben: Ein Mann aus Frankreich konnte in Verbindung mit dem Missbrauch in Münster verhaftet werden.

Münster
Bevölkerung 310.039 (2016)
OberbürgermeisterMarkus Lewe (CDU)

Münster: Sexualstraftäter zeigen zunächst kein Schuldempfinden

Die Innenminister der Länder hatten sich kürzlich darauf geeinigt, Kindesmissbrauch wie in Münster künftig strafrechtlich wie Totschlag einzustufen. Um solche Straftaten langfristig verhindern zu können, sei jedoch eine bessere Prävention nötig, so Feil, der mit seinem Team seit 2008 strafentlassene Sexual- und Gewalttäter betreut. Er berichtet, dass ein Großteil der Täter zunächst kein Schuldempfinden zeige und über das Geschehene nicht erschrocken sei.

Das Motiv solcher Täter sei in vielen Fällen "die eigene, kalte Selbsterhöhung, das Verfügenkönnen über Schwächere, oft gepaart mit abweichenden Sexualpräferenzen und einer Gewaltproblematik", erklärt Feil im Interview. Menschen, die sich derartige Videos im Internet ansehen, die auch Adrian V. aus Münster im Darknet anbot und tauschte, suchten hingegen wie Süchtige nach dem nächsten sexuellen Kick.

Adrian V. hatte monatelang Kinder schwer missbraucht. Der bereits Vorbestrafte war zuvor in Therapie.

Münster: Rückfallquote von Sexualstraftätern wird durch Therapie gesenkt

Eine andere Motivation findet sich, so Feil, hingegen bei Online-Netzwerken. "Die Täter hier sind meist die eigenen Eltern, die ihre Kinder missbrauchen, die Tat auf Video aufzeichnen und das Bildmaterial verkaufen." Auch im Missbrauchsfall von Münster war eines der Opfer das Kind der Lebensgefährtin des Hauptverdächtigen Adrian V.

Der Diplom-Psychologe betont, dass für viele solcher Täter eine lebenslange Therapie notwendig sei, um zukünftige Straftaten zu verhindern. Von 39 auf 14 Prozent werde die Rückfallquote von Sexualstraftätern durch eine langfristige Behandlung gesenkt. Bundesweit gibt es 50 Stellen, die sich um solche Menschen kümmern. Es müssten jedoch weitaus mehr Stellen geschaffen werden, fordert Feil. Auch für Adrian V. aus Münster wurde, nachdem er wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt wurde, eine Therapie angeordnet.

Der 27-Jährige wurde jedoch wieder rückfällig und missbrauchte in Münster mehrere Kinder gemeinsam mit weiteren Männern. Den auch in der Gesellschaft weit verbreiteten Vorwurf, dass die Therapie nur die Täter schütze, weist Markus Feil derweil vehement ab. "Tatsächlich schützen wir mit unserer Arbeit die Freiheit und Sicherheit aller", betont der Psychotherapeut er im Interview. 

Die Ermittler haben nun auch die Mutter des Opfers im Visier. Sie wollen prüfen, was die Frau über den Missbrauch in Münster gewusst hat. Ein anderer Fall von Kindesmissbrauch wurde jüngst vor dem Landgericht verhandelt: Ein Paar soll in Münster ein Nachbarskind sexuell missbraucht haben. Das Urteil sprach einen der beiden frei.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Guido Kirchner/dpa

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