Missbrauchskomplex

Experte: Jugendamt Münster hat im Fall Adrian V. „sorgfältig gearbeitet“

Seit einigen Wochen wird in Münster gegen Adrian V. verhandelt: Der 27-Jährige soll mehrere Jungen monatelang missbraucht haben. Das Jugendamt stand nach Bekanntwerden des Falls im Zentrum der Kritik.

Münster – Es waren auch für die Ermittler bislang ungeahnte Abgründe, die sich im vergangenen Jahr auftaten. Der 27-jährige Adrian V. hatte in einer Gartenlaube in Münster-Kinderhaus über Monate hinweg Jungen schwer missbraucht und die Taten gefilmt. Mehrere Männer waren am Missbrauch beteiligt. Auch der Mutter des Hauptangeklagten wird mittlerweile der Prozess gemacht.

Carina V., die als Kindergärtnerin in der Domstadt gearbeitet hat, war die Besitzerin der Gartenlaube und soll gewusst haben, was ihr Sohn dort mit den Kindern anstellt. Im Prozess am Landgericht Münster kamen in den vergangenen Wochen immer mehr schreckliche Details ans Tageslicht. Nach der Festnahme von Adrian V. wurde auch über die Rolle des Jugendamtes in diesem Fall diskutiert.

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Missbrauchsfall Münster: Hat Jugendamt korrekt gehandelt?

Der Hauptangeklagte war kein unbeschriebenes Blatt. Er wurde 2016 und 2017 bereits wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt – bekam damals jedoch nur Bewährungsstrafen. Von November 2018 bis Mai 2020 soll Adrian V. insbesondere den Ziehsohn seiner Lebensgefährtin misshandelt haben. Als das Jugendamt Münster 2015 Kontakt zur Familie hatte, sah sie keinen Anlass, den damals Zehnjährigen aus der elterlichen Obhut zu holen – obwohl der kommunale Sozialdienst bereits Ende 2014 von der Staatsanwaltschaft kontaktiert worden war, da gegen den heute 27-Jährigen wegen der Verbreitung kinderpornografischen Materials ermittelt worden war.

Hätte das Jugendamt den Missbrauch an dem Jungen also verhindern können? „Mit dem Wissen von heute hätte man die Opfer besser schützen können. Aber dieses Wissen lag damals nicht vor. Gravierende fachliche Versäumnisse kann ich in der Arbeit des Jugendamtes der Stadt Münster nicht erkennen“, sagt dazu Prof. Dr. Christian Schrapper, der von der Stadt dazu beauftragt worden war, das Vorgehen des Jugendamtes im Fall Adrian V. zu beleuchten.

Jugendamt Münster konnte Missbrauchsopfer nicht schützen

Besonders der Kontakt des Jugendamtes Münster mit der Mutter des Opfers wurde dabei analysiert. „Frau K. war sorgeberechtigt und erweckte sowohl dem Jugendamt als auch dem Familiengericht gegenüber den Anschein, sich ihrer Schutz- und Sorgepflichten für ihren Sohn bewusst zu sein und diese auch erfüllen zu können“, heißt es im Abschlussbericht von Prof. Christian Schrapper. Zum damaligen Zeitpunkt gab es keine Hinweise darauf, dass die Lebensgefährtin von Adrian V. die Taten in Münster gedeckt haben könnte. „Heute wissen wir, dass diese Einschätzung hätte intensiver hinterfragt werden müssen“, so Schrapper.

Es wird betont, dass das Jugendamt damals zwar Zweifel aufgrund der damaligen Ermittlungen gegen den heute Hauptangeklagten im Missbrauchsprozess geschürt hatte, „aber den Zweifeln und Irritationen ist nicht intensiver nachgegangen worden, entweder um sie zu verwerfen oder zu bestätigen“. Die Missbrauchsfälle von Stauffen und Lügde hätten mittlerweile für eine größere Sensibilität der Arbeit des kommunalen Sozialdienstes geführt. Für die Bewertung der Arbeit des Jugendamtes müsse man diese jedoch an den damals geltenden Vorgaben messen. Prof. Dr. Schrapper betont, dass die Arbeit des Jugendamtes im Fall Adrian V. zwar deutliche Schwächen aufweise, „in der Summe aber haben die Fachkräfte sachkundig und sorgfältig gehandelt – auch wenn sie damit den Jungen nicht schützen konnten.“

In der Gartenlaube in Münster spielten sich monatelang grauenvolle Taten ab.

Derweil zieht der Missbrauchskomplex aus Münster immer weitere Kreise. Vor wenigen Wochen startete gegen einen weiteren Verhandlung aus Aachen der Prozess wegen Kindesmissbrauchs. Zudem hatte es kürzlich im Missbrauchsfall aus Münster eine weitere Festnahme gegeben. Der Verdächtige aus dem Kreis Würzburg soll bei einer der Taten von Adrian V. per Live-Cam dazugeschaltet worden sein.

Rubriklistenbild: © Marcel Kusch/dpa

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