Coronavirus

Der Fall Astrazeneca: Alles was sie über den Impfstoff jetzt wissen müssen

Erneute Aufregung um Astrazeneca: Der Impfstoff soll Menschen unter 60 Jahren zunächst nicht mehr verabreicht werden – höchstens nur noch unter eigenem Risiko. Hier erfahren Sie alles Wichtige über den Fall.

Es ist ein weiterer Rückschlag in der eh schon schleppend anlaufenden Impfkampagne in Deutschland. Das Vakzin von Astrazeneca soll an Menschen unter 60 Jahren erstmal nur noch nach ärztlichem Ermessen verabreicht werden. Zunächst setzte Berlin die Verimpfung für jüngere Menschen aus, wenig später folgten Brandenburg und NRW. Das eh schon schlechte Image des Impfstoffs bekam nun einen weiteren Knacks.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfahl diese Vorgehensweise kurz darauf für ganz Deutschland. Am Dienstagabend (30. März) erklärten dann Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzlerin Angela Merkel in einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin, wieso sich Menschen unter 60 Jahren nur noch unter eigener Risikoabwägung mit Astrazeneca impfen lassen sollten. msl24.de beantwortet die wichtigsten Fragen in der Sache.

UnternehmenAstrazeneca
HauptsitzCambridge, Vereinigtes Königreich
Gründung6. April 1999

Der Fall Astrazeneca: Worum geht es genau?

In Verbindung von Impfungen mit Astrazeneca wurden in einigen Fällen Hirnvenenthrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen festgestellt. Laut Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts gibt es in Bezug auf das Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers „eine auffällige Häufung“, die kurz nach der Verabreichung des Impfstoffs festgestellt wurden.

Wie viele Fälle sind nach einer Astrazeneca-Impfung aufgetreten?

Bis Montag (29. März) wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 31 Verdachtsfälle einer Hirnvenenthrombosen gemeldet, nachdem der Impfstoff von Astrazeneca gespritzt wurde. Bei neun Personen endete dies tödlich.

Was ist über die Verdachtsfälle bei Astrazeneca-Impfungen bekannt?

Bis auf zwei Fälle traten sämtliche Komplikationen nach einer Astrazeneca-Impfung bei Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren auf. Die beiden Männer, bei denen im Nachgang eine Thrombose festgestellt worden war, waren 36 und 57 Jahre alt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermeldete bis Montag, dass 2,7 Millionen Erst- sowie 767 Zweitdosen des Impfstoffs in Deutschland gespritzt wurden. In Bezug auf die Verabreichung des Vakzins wurde empfohlen, den Abstand zwischen der Erst- und Zweitimpfung auf zwölf Wochen auszudehnen. Wie es mit der Zweitimpfung bei Astrazeneca-Impflingen weitergeht, lesen Sie bei owl24.de.

Wie häufig treten die Komplikationen mit Astrazeneca auf?

Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts traten die Thrombosen bislang in einem Fall pro 100.000 Impfungen auf. Diese seltene Gerinnungsstörung trat unter den mit Astrazeneca geimpften Personen häufiger auf, als es ohne Impfung zu erwarten wäre. „Es gibt derzeit keinen Nachweis, dass das Auftreten dieser Gerinnungsstörungen durch den Impfstoff verursacht wurde“, heißt es jedoch Seitens des Instituts.

Astrazeneca: Wie entstehen die Thrombosen nach der Impfung?

Wie Dr. Andreas Greinacher von der Universität Greifswald herausfand, werden durch die Impfung mit Astrazeneca Abwehrstoffe gebildet, die Blutplättchen aktivieren. „Diese agieren dann wie bei einer Wundheilung und lösen Thrombosen im Gehirn aus“, so der Wissenschaftler. Diese These wird von anderen Ärzten gestützt.

Entstehen die Thrombosen durch die Impfung mit Astrazeneca?

Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gibt es bislang keinen direkten Zusammenhang zwischen den aufgetretenen Hirnthrombosen und der Impfung mit Astrazeneca. Derzeit finden jedoch weitere Untersuchungen statt, um die Ursache für die Störungen herauszufinden.

Wie wird Astrazeneca von den Behörden eingeschätzt?

Vor wenigen Wochen wurde in Deutschland die Impfung mit Astrazeneca für wenige Tage komplett eingestellt. Bereits damals waren aufgetretene Thrombosen der Grund für das Vorgehen. Die europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat daraufhin empfohlen, den Impfstoff weiter zu verabreichen, da die Vorteile gegenüber den Risiken überwiegen. Jedoch wurde beschlossen, einen Warnhinweis auf die Impfdosen anzubringen.

Das Paul-Ehrlich-Institut betonte zudem, dass aus den aufgetretenen Thrombose-Fällen „nicht zwangsläufig auf eine höhere Reaktogenität des Impfstoffes geschlossen werden“ könne. Die erhöhte Melderate könne auch mit der verstärkten medialen Aufmerksamkeit für den Impfstoff von Astrazeneca zusammenhängen.

In Deutschland hat es weitere Todesfälle nach Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca gegeben.

Wie verfährt Großbritannien mit Astrazeneca?

Das Land, in dem Astrazeneca hergestellt wurde, hat eine Aussetzung des Impfstoffs oder eine Empfehlung nur für ältere Personen bislang nicht vorgenommen. In Großbritannien gab es laut der Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) bislang vier Fälle von auftretender Thrombose. Das Königreich hat bislang mehrere Millionen Menschen mit dem Vakzin verimpft – derzeit bekommen die 50- bis 59-Jährigen ihre Dosis.

Was bedeutet der Fall Astrazeneca für die Impfkampagne in Deutschland?

Dass das Impfen in Deutschland im internationalen Vergleich eher langsam verläuft, ist bereits hinlänglich bekannt. Bislang wurden knapp 9,2 Millionen Menschen verimpft – das sind etwa 11,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Astrazeneca spielt für den weiteren Verlauf in Deutschland eine wichtige Rolle. Im zweiten Quartal werden bundesweit 15,4 Millionen Dosen erwartet. Bis Ende des Jahres sollen es über 56 Millionen werden.

In der EU wurden bislang vier Impfstoffe zugelassen. Der Erfolg der deutschen Impfkampagne wird daher nicht nur an Astrazeneca hängen. So sollen alleine im zweiten Quartal 40 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer nach Deutschland geliefert werden. Damit die Impfungen hierzulande jedoch Fahrt aufnehmen, forderte die Deutsche Stiftung Patientenschutz, dass sich Impflinge ihren Impfstoff aussuchen dürfen. (*owl24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.)

Rubriklistenbild: © Fabio Ferrari/dpa

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