Coronavirus

Virologe Hendrik Streeck fühlt sich von Regierung ignoriert

Auf ihren Rat hört die Bundesregierung im Kampf gegen das Coronavirus: Virologen wurden inmitten der Pandemie zum wichtigen Sprachrohr. Manch einer fühlt sich jedoch nicht ausreichend gehört.

Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie kennt fast jeder Bürger in Deutschland ihre Namen. Der bekannteste unter den deutschen Virologen ist sicherlich Christian Drosten, Leiter der Berliner Charité. Sein Wort hat in Krisenzeiten Gewicht – auch die Bundesregierung hört auf den Rat des 48-Jährigen.

Erst neulich warnte Christian Drosten vor verfrühten Lockerungen in der Corona-Krise und gab einen Ausblick auf das Jahr 2022. Doch manch ein Virologe fühlt sich nicht so wertgeschätzt wie seine Kollegen. So zum Beispiel der umstrittene Forscher Hendrik Streeck. Als „Der Antiheld“ oder „Der Anti-Drosten“ wurde er bereits in den Medien bezeichnet. Der 43-Jährige ist dafür bekannt, Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kritisch zu kommentieren.

PersonHendrik Streeck
Geboren7. August 1977
BerufProfessor für Virologie und Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn

Hendrik Streeck: Bundesregierung ignoriert andere Sichtweisen

Hendrik Streeck kritisierte bereits mehrfach öffentlich die Tatsache, dass die Bundesregierung sich im Kampf gegen das Coronavirus zu sehr an den Zahlen der Neuinfektionen orientiere. Nun echauffierte sich der Virologe der Uniklink Bonn darüber, dass die Regierung andere Sichtweisen im Hinblick auf Corona-Maßnahmen ignoriere.

Im Interview mit der „Welt“ zeigte sich Hendrik Streeck nicht erfreut darüber, dass die Bundesregierung meist nur auf dieselben Stimmen höre. So berichtete er, dass er nicht in die Beratungen vor der jüngsten Lockdown-Verlängerung mit einbezogen worden war. „Ich hatte am Donnerstag vor diesem Termin ein Telefonat mit einem Ministerpräsidenten, der mich oder den Epidemiologen Klaus Stöhr in die Beratung holen wollte, und habe mir den entsprechenden Montag frei gehalten“, sagte der Mediziner.

Hendrik Streeck dämpft Hoffnung auf Leben ohne Corona

Am Ende seien beide Experten nicht zu den Krisengesprächen eingeladen worden. „Wäre ich Ministerpräsident, würde ich mir wünschen, ein möglichst breites wissenschaftliches Bild und auch Für- und Wider-Argumente zu hören“, sagte Hendrik Streeck dazu. Der Virologe sieht die Bundesregierung in der Pflicht, nicht nur eine Interpretation der wissenschaftlichen Ergebnisse zu hören. „Im niedersächsischen Sonderausschuss hatte ich etwa einen gemeinsamen Auftritt mit der Physikerin Viola Priesemann, die eher einen ‚No-Covid‘-Ansatz verfolgt. Erst hat sie gesprochen, dann ich, anschließend konnten sich die Abgeordneten ihre Meinung bilden. Das empfinde ich als vorbildlich“, so der 43-Jährige.

Im selben Interview dämpfte Hendrik Streeck, der zuletzt auch die Impfpolitik von Jens Spahn kritisierte, zudem Hoffnungen auf ein Leben ohne das Coronavirus. Die Menschen müssten sich darauf einstellen, mit dem Virus zu leben. „Wenn man sich eingesteht, dass wir dieses Virus nicht ausrotten können, kommt man schnell zu dem Punkt, dass die Infektionszahlen nicht unser alleiniges Instrument bleiben können“, behauptet der Mediziner. Er befürchtet auch nach Ende des zweiten Lockdowns am 14. Februar weiter hohe Infektionszahlen.

Virologe Hendrik Streeck fühlt sich von der Regierung ignoriert (Archivfoto).

Christian Drosten vs. Hendrik Streeck

Die Aussagen, die Hendrik Streeck in der Vergangenheit getätigt hat, scheinen auch das Verhältnis zu Christian Drosten beeinträchtigt zu haben. Zwischen den beiden Virologen herrscht seit Monaten Funkstille, wie der Mediziner der Bonner Uniklinik einst in einem Interview verriet. Zudem stichelte Drosten einige Male per Twitter gegen seine Kollegen.

„Für diejenigen, die jetzt behaupten, nicht gehört worden zu sein. Ihr hattet die lauteste Presse, Ihr habt stetig gestichelt, wenig gelesen, gute Vorschläge zerredet. Ihr bringt bis heute keine Inhalte und jammert über mangelnde Resonanz“, twitterte Christian Drosten vor wenigen Wochen in Richtung einiger Virologen-Kollegen. Ein Satz, der mit Blick auf die jüngsten Aussagen von Hendrik Streeck an Aktualität nicht verloren haben.

Rubriklistenbild: © Jonas Güttler/dpa

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