In den 70ern vier Frauen getötet

Der Münsterlandmörder: Die Suche nach einem Phantom

Münsterlandmörder
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Mit diesem Phantombild wurde nach dem "Münsterlandmörder" gefahndet.

Es ist ein großes Mysterium der deutschen Kriminalgeschichte. Zwischen 1971 und 1974 wurden im Münsterland vier junge Frauen von einem Mann getötet. Bis heute gibt es keine konkreten Hinweise auf den Mörder. Eine Rekonstruktion.

Münsterland - Der Fall gibt auch über 40 Jahre später Rätsel auf. Der sogenannte "Münsterlandmörder", tötete in den 70er Jahren vier junge Frauen in der Region. Wer waren die Opfer? Wie ereigneten sich die Taten? Wir haben die Geschichte zusammengefasst. 

Edeltraud van Boxel geht am Abend des 21. November 1971 zur Arbeit an den Industrieweg in Münster. Ein bekanntes Rotlichtviertel. Denn die damals 23-Jährige verdient ihr Geld als Prostituierte. Auch noch, als sie im siebten Monat schwanger ist. Es ist knapp fünf Grad an diesem kalten Sonntag im Spätherbst. Gegen 20.30 Uhr hält ein heller VW-Käfer neben der 1,74 Meter großen Frau an. 

Die ersten beiden Opfer des Münsterlandmörders

"Ein weiterer Kunde", denkt sich van Boxel und steigt ein. Der Fahrer, ein Mann in seinen frühen 20ern, schmales Gesicht und (dunkel-)blondes Haar, rast mit hoher Geschwindigkeit davon. Gegen 23.40 Uhr wird Edeltraud van Boxel im Kreis Steinfurt tot aufgefunden. Von ihrem Peiniger, dem Münsterlandmörder, erwürgt. 

Sechs Monate später. Barbara Storm besucht am 15. Mai 1972 die Disco "Tenne" im münsterländischen Rheine. Gegen 22.30 Uhr verlässt sie den Club in Begleitung eines 20 bis 25 Jahre alten Mannes mit (dunkel-)blondem Haar, wie Augenzeugen später berichten. Zwei Tage später wird die Leiche der erst 20-Jährigen in der Bauernschaft Stroemfeld bei Schöppingen entdeckt. Ebenfalls erwürgt.

Barbara Strom, das zweite Opfer des Münsterlandmörders

Die Taten gehen auf den sogenannten "Münsterlandmörder" zurück, der insgesamt vier junge Frauen getötet haben soll und bis heute noch nicht gefunden wurde. Alle seiner Opfer wurden im Umkreis von knapp 35 Kilometern in abgelegten Waldstücken gefunden. Allen Frauen klaute der Mann nach der Tat die Handtasche.

Der Münsterlandmörder wird zum Mysterium

Was weiß man über den Münsterlandmörder? Leider so gut wie gar nichts, wie Andreas Bode von der Polizei-Pressestelle in Münster auf Anfrage bestätigt. Zum Zeitpunkt der ersten Tat soll der Mann zwischen 20 und 25 Jahre alt gewesen sein. Er trug blondes bis dunkelblondes Haar und hatte eine schlanke Statur. Seine Körpergröße wurde von Zeugen auf 1,80 bis 1,90 Metern geschätzt. 

Der mutmaßliche Täter fuhr zur Tatzeit des ersten Mordes 1971 einen hellen VW-Käfer, dessen Kennzeichen den Buchstaben "F" sowie die Zahl "8" beinhaltete, wie sich die Kolleginnen von Edeltraud van Boxel erinnerten. Mit einem Phantombild suchte die Polizei nach dem Münsterlandmörder, der heute zwischen 60 und 70 Jahre alt sein müsste. Nach der Mordserie berichtete die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY ungelöst über den Fall.

Mit diesem Phantombild wurde nach dem "Münsterlandmörder" gefahndet.

Der Münsterlandmörder schlägt erneut zu

Denn Barbara Storm war nicht das letzte Opfer des Killers. Ein Jahr später schlägt der Münsterlandmörder erneut zu. Am 6. August 1973 entschließen sich Marlies Hemmers aus Nordhorn und ihr Freund einen Trip nach Wien zu unternehmen. Das Paar trampt zunächst gemeinsam bis nach Bad Bentheim. Dort trennen sich ihre Wege. 

Marlies' Freund findet als erstes eine neue Mitfahrgelegenheit und schafft es bis nach Ochtrup. Dort wartet er darauf, dass ihn der nächste Fahrer mitnimmt und sieht unterdessen um 7.45 Uhr seine Freundin auf dem Beifahrersitz eines Autos vorbeifahren. Auf sein Winken reagiert Marlies Hemmers nicht. Es ist gut möglich, dass sie im Auto des Münsterlandmörders saß und zu dem Zeitpunkt schon tot oder zumindest bewusstlos ist. Erst fünf Monate später wird die Leiche der 18-jährigen Schülerin bei Dülmen, im Merfelder Bruch, gefunden. Knapp 25 Kilometer von Barbara Stroms Fundort entfernt.

Zeuge sieht Edeltraud van Boxel vermutlich im Auto des Münsterlandmörders

Auch Edeltraud van Boxel, das erste Opfer, wurde vermutlich im Auto des Münsterlandmörders gesehen. Gegen 21.15 Uhr, also knapp 45 Minuten nachdem sie auf dem Industrieweg in den VW-Käfer eingestiegen ist, sieht ein Zeuge das Auto auf der B 54 zwischen Nienberge und Altenberge einen anderen Fahrer mit hoher Geschwindigkeit überholen. Der Zeuge bemerkt, wie eine Person auf dem Beifahrersitz zum Fenster kippt

Vermutlich war es van Boxel. War sie zu dem Zeitpunkt auch schon tot oder zumindest bewusstlos? Sicher ist, dass alle Opfer des "Münsterlandmörders" bereits tot waren, bevor der Mann sie zu den jeweiligen Fundstellen gebracht hat.

Edeltraut van Boxel wurde tot im Kreis Steinfurt entdeckt.

Die letzte Tat des Münsterlandmörders und die Spur nach Heidelberg

Es ist Dienstag, der 22. Oktober 1974. Die Studentin Erika Kunze aus Nordhorn freut sich. Soeben hat die Studentin eine wichtige Zwischenprüfung mit der Note 2 erfolgreich bestanden. Am Telefon erzählt sie ihrer Mutter, dass sie noch kurz in die Uni-Bibliothek Münster gehen und sich danach auf den Heimweg machen werde – per Anhalter. Gegen 15 Uhr wird Kunze an der Steinfurter Straße auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit von einer Sekretärin eines gegenüberliegenden Büros gesehen. 

Einige Stunden später beobachtet ein Autofahrer, wie ein dunkler Mercedes mit auffällig langsamer Geschwindigkeit auf der L 39 zwischen Schüttdorf und Salzbergen fährt. Der Zeuge vermutet, dass der Fahrer nach einer Abfahrt in ein Waldstück sucht. Auf dem Beifahrersitz sitzt eine Frau, die bewusstlos zu sein scheint. Der Zeuge erinnert sich an ein Kennzeichen mit den Buchstaben "BF" für Burgsteinfurt. Sieben Tage später wird Erika Kunzes Leiche unweit der Stelle, an dem der Mercedes gesehen wurde, entdeckt. Von ihrem Peiniger, dem Münsterlandmörder, wurde sie erwürgt und erschlagen. 

Erika Kunze wurde von ihrem Mörder erwürgt.

Münsterlandmörder holt sich seine Befriedigung beim Töten

Auch beim vierten Mord kam es, wie schon bei den Taten zuvor, nicht zum Geschlechtsverkehr. Vermutet wird vielmehr, dass der Täter von selbst zum Samenerguss kam, als er die Frauen erwürgte. Mit dem Mord an Erika Kunze reißt die Serie des Münsterlandmörders ab. Zumindest in der Region.

Denn in Heidelberg geschehen zwischen September 1975 und April 1977 erneut vier Morde an jungen Frauen zwischen 18 und 20 Jahren, die per Anhalter unterwegs waren. Zwei der Frauen werden ebenfalls tot im Wald aufgefunden. Es sei durchaus möglich, dass diese Morde auf denselben Täter wie im Münsterland zurückzuführen seien, meint Andreas Bode. "Auszuschließen ist es nicht", so der Polizeipressesprecher. Daher wird nach dem Täter noch immer bundesweit gefahndet.

Marlies Hemmers geriet beim Trampen an den Münsterlandmörder.

Münsterlandmörder: Akte 916 sorgt für kurzzeitige Hoffnung

Lange Zeit passiert nichts. Bis Ende des Jahres 2016. Es bahnt sich ein Durchbruch an, den Münsterlandmörder dranzukiregen. Spurenakte 916 soll den Killer endlich identifizieren, so die Hoffnung der Ermittler. Es geht um einen Mann aus der Grafschaft Bentheim, der vier Jahre nach dem Mord an Erika Kunze wegen einer anderen Straftat verhaftet und vernommen wurde. 

Der Mann gab zu, für keinen der Münsterlandmorde ein Alibi zu haben. Die Ermittler ließen ihn dennoch laufen. 2015 liest sich Kriminalhauptkommissar Eckhard Klemp das Protokoll der Vernehmung durch. Er vermutet, dass die Kollegen damals einen schlimmen Fehler begangen haben könnten, als sie den Mann wieder auf freien Fuß gesetzt haben. 

Auf der Suche nach dem Münsterlandmörder

Klemps Spur wird heißer. Gemeinsam mit Krimininalhauptkommissar Joachim Poll aus Münster findet er heraus, dass der Verdächtige eines der Opfer kannte und zudem im Jahr 1971 einen VW-Käfer besaß – wie der Münsterlandmörder. Die Ermittler haben Glück. Unter den Fingernägeln der im Mai 1972 getöteten Barbara Storm wurden Ende der 90er Jahre DNA-Spuren gefunden.

Doch der Mann, den Klemps Kollegen damals laufen ließen, ist inzwischen tot und auf einem Friedhof in Bentheim begraben. Nach langer juristischer Auseinandersetzung genehmigte die Staatsanwaltschaft Osnabrück die Exhumierung der Leiche. Neun Wochen lang dauerten die Labortests, die am Ende Gewissheit brachten: Der Mann hatte mit den Münsterlandmorden nichts zu tun. Alles wieder auf Null. Bis heute hat sich in dem Fall nichts mehr getan.

Mord verjährt nie – Die Suche nach dem Münsterlandmörder geht weiter

Wer ist der Mörder von Edeltraud van Boxel, Barbara Storm, Marlies Hemmers und Erika Kunze? Lebt der Mann noch? Hat er auch die Taten in Heidelberg begangen? Wird man ihn jemals finden? Das alles sind Fragen, auf die niemand eine sichere Antwort hat. Nur eines ist gewiss. "Mord verjährt nie", sagt Andreas Bode. Falls der Münsterlandmörder, dessen Geschichte derzeit verfilmt wird, jemals gefunden werden sollte, könnte ihm nach all den Jahren noch der Prozess gemacht werden. Für die Angehörigen der Opfer wäre es ein Stück Wiedergutmachung. 

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