Großraum Paris

George Floyd und Adama Traoré: Frankreich protestiert gegen Polizeigewalt und Rassismus

Der Tod des schwarzen Jugendlichen Adama Traoré sorgt in Frankreichs Hauptstadt Paris schon seit 2016 für Proteste – auch jetzt nach dem Tod von George Floyd wieder.

  • Adama Traoré starb 2016 in Paris im Rahmen einer Polizeikontrolle.
  • Viele Parallelen lassen sich zum Fall von George Floyd in den USA ziehen.
  • Es kommt immer wieder zu heftigen Protesten und Ausschreitungen in Frankreich.

Update vom Mittwoch, 03.06.2020, 10.45 Uhr: In Frankreich nehmen die Proteste gegen Polizeigewalt an Schärfe zu. Trotz eines Demonstrationsverbots sind in Paris und anderen französischen Städten mehr als 20.000 Menschen auf die Straßen gegangen, um Polizeigewalt und Rassismus in reihen der Polizei anzuprangern. 

In Paris kam es zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen der Polizei und Demonstranten. Viele Demonstranten zogen eine direkte Linie zu den Protesten in den USA nach dem Tod von George Floyd. Es waren Schilder mit englischsprachigen Slogans wie „Black Lives Matter“ und „I can’t breathe“ zu sehen. 

In Frankreich selbst geht es vor allem um den Tod des 24-jährigen Adama Traoré. Er war gestorben, nachdem er bei einem gegen seinen Bruder gerichteten Polizeieinsatz festgenommen worden war. Traorés ältere Schwester Assa sagte bei der Pariser Kundgebung: „Das ist heute nicht mehr nur der Kampf der Familie Traoré, es ist unser aller Kampf. Wenn wir heute für George Floyd kämpfen, kämpfen wir für Adama Traoré.“

Nach der Kundgebung kam es zu Ausschreitungen, die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse gegen Demonstranten ein. Auch in anderen Städten gab es Demonstrationen gegen Polizeigewalt. So demonstrierten in Lille rund 2500 Menschen, in Marseille etwa 1800 Menschen und in Lyon rund 1200 Menschen. 

Der Pariser Polizeichef Didier Lallement nahm derweil seine Behörde gegen die Vorwürfe in Schutz. Die Pariser Polizei sei „nicht gewalttätig und auch nicht rassistisch“, schrieb Lallement in einem Brief an seine Mitarbeiter. 

Frankreichs „I Can’t Breathe“-Fall: Tod von Adama Traoré führt zu Protesten

Erstmeldung vom Montag, 01.06.2020: Paris – Starb Adama Traoré, weil ihm Polizisten die Luft abschnitten? Diese Frage bewegt Frankreich seit Sommer 2016. Eine Patrouille kontrollierte damals in Beaumont-sur-Oise zwei Brüder. Einer, Adama Traoré, floh, wurde aber gestellt; er entzog sich erneut und wurde in der Wohnung eines Bekannten gestellt. Drei Gendarmen hielten den auf dem Bauch Liegenden fest, obwohl dieser laut Polizeibericht klagte, er könne nicht mehr atmen. Danach ließ sich der 24-Jährige abführen. Im Polizeiwagen verlor er das Bewusstsein; der herbeigerufene Rettungsdienst konnte auf der Wache nur noch den Tod feststellen.

Im Pariser Großraum kam es umgehend zu heftigen Protesten und Ausschreitungen. Traorés Schwester Assa gründete ein Komitee namens „Wahrheit und Gerechtigkeit für Adama“. Sie berief sich unter anderem auf einen Rettungsmann, der erklärt hatte, der Tote sei in Handschellen auf dem Bauch vorgefunden worden, nicht etwa in Seitenlage, wie die Polizei behauptete. Eine Expertise der Justiz schloss zwar auf eine anatomische Anomalie von Traorés Herz; eine Gegenexpertise seiner Familie kam aber im März 2019 zum Schluss, der Tod sei ursächlich durch „mechanisches Ersticken“ – also durch Außeneinwirkung – ausgelöst worden.

Tod nach Polizeikontrolle: „Unser George Floyd ist Adama Traoré“

Seither bleibt das Traoré-Komitee aktiv. An den regelmäßigen Protestkundgebungen beteiligen sich auch Oppositionspolitiker wie Jean-Luc Mélenchon. Der Linkenchef erklärte, es gehe nicht an, in Frankreich „nach einer Verhaftung zu sterben“. Rapmusiker, Sportler und Schauspieler prangern die Polizeigewalt in Frankreich und den „gewöhnlichen Rassismus“ an, den die Traoré-Affäre offenbare.

Das Unterstützungskomitee pflegt auch Verbindungen zur amerikanischen „Black Lives Matter“-Bewegung. Nach dem Tod von George Floyd* meinte der Beauftragte für die Gleichberechtigung der französischen Überseegebiete, Claudy Siar: „Das kann auch in Frankreich vorkommen. Unser George Floyd ist Adama Traoré.“

Tod nach Polizeikontrolle: Französische Polizisten bis heute nicht behelligt

Ende letzter Woche machte die Justiz eine neue Expertise publik. Ihr zufolge starb Traoré an einem Herzproblem, das sich durch die Stresssituation verschärft haben könnte. Das Komitee weist diese Obduktionsanalyse zurück und kritisiert, dass die teilhabenden Polizisten bis heute nicht behelligt worden seien. Für Dienstagabend ruft es zu einer Solidaritätskundgebung für Floyd und Traoré auf. Wenn die französischen Medien diesen Appell sehr stiefmütterlich behandeln, dann zweifellos aus der Angst heraus, dass die Krawalle von den USA auf die französischen Banlieues übergreifen könnten.

Von Stefan Brändle

Es war wohl nicht das erste Mal, dass der Polizist Derek Chauvin im Dienst gewalttätig wurde. Was über den Mann bekannt ist, der George Floyd tötete.

Die Bilder von George Floyds Verhaftung sind vielen noch im Gedächtnis. Jetzt schlägt ein weiterer Fall von Polizeigewalt hohe Wellen. In London* kniete ein Polizist auf dem Hals eines Mannes.*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Michael Euler

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare