Angriff auf Synagoge

Rechtsextremist wollte Massaker in Halle anrichten

Trauernde stehen vor dem Roten Turm auf dem Marktplatz in Halle. Foto: Swen Pförtner/dpa
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Trauernde stehen vor dem Roten Turm auf dem Marktplatz in Halle. Foto: Swen Pförtner/dpa
Ein Bus mit der Aufschrift "Evakuierung" wird von Polizei eskortiert . Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
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Ein Bus mit der Aufschrift "Evakuierung" wird von Polizei eskortiert . Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge in Halle. Foto: Swen Pförtner/dpa
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Einsatzfahrzeuge stehen auf einer Hauptstraße nahe der Synagoge in Halle. Foto: Swen Pförtner/dpa
Ein Hubschrauber der Bundespolizei ist bei Wiedersdorf/Landsberg im Einsatz. Neben den Schüssen in Halle hat es auch Schüsse im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg gegeben. Foto: Jan Woitas/dpa
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Ein Hubschrauber der Bundespolizei ist bei Wiedersdorf/Landsberg im Einsatz. Neben den Schüssen in Halle hat es auch Schüsse im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg gegeben. Foto: Jan Woitas/dpa
Ein Polizist mit Schutzhelm steht zwischen Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof von Halle. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
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Ein Polizist mit Schutzhelm steht zwischen Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof von Halle. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
Ein Hubschrauber der Bundespolizei ist bei Wiedersdorf/Landsberg im Einsatz. Foto: Jan Woitas/dpa
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Ein Hubschrauber der Bundespolizei ist bei Wiedersdorf/Landsberg im Einsatz. Foto: Jan Woitas/dpa
Polizisten sichern in Halle/Saale die Umgebung. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
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Polizisten sichern in Halle/Saale die Umgebung. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
Mitglieder der jüdischen Gemeinde und Besucher der Synagoge in Halle werden in Sicherheit gebracht. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
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Mitglieder der jüdischen Gemeinde und Besucher der Synagoge in Halle werden in Sicherheit gebracht. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Die jüdische Gemeinde in Halle entgeht nur knapp einer Katastrophe. Ein Attentäter will das Gotteshaus stürmen, scheitert aber. Dann erschießt er zwei Menschen vor der Synagoge und in einem Döner-Laden. Es soll ein 27-jähriger Deutscher sein. Der Schock sitzt tief.

Halle/Saale (dpa) - Ein schwerbewaffneter Täter hat versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter Dutzenden Gläubigen anzurichten. Die jüdische Gemeinde entging an ihrem höchsten Feiertag Jom Kippur nur knapp einer Katastrophe.

Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wollte nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Mittwochmittag die Synagoge mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. Der 27-jährige Deutsche soll vor der Synagoge und danach in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen.

Die Tat sorgte weltweit für Entsetzen. Der Zentralrat der Juden sprach von einem "tiefen Schock" für alle Juden in Deutschland.

Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach am Abend von einem antisemitischen Motiv. Der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen rasch an sich gezogen hatte, habe zudem "ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund". Seehofer sagte weiter: "Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag. Ein schwer bewaffneter Täter hat versucht, in eine Synagoge einzudringen, in der sich rund 80 Menschen aufhielten." Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, sagte allerdings, bei der Evakuierung habe die Polizei 51 Menschen gezählt.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte am Abend: "Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock." Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Polizei. "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös." Er fügte hinzu: "Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen."

Die israelische Botschaft in Berlin bezeichnete die Angriffe als "brutale Terroranschläge". Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte die Attacken "am heiligsten Tag für unser Volk" einen "weiteren Ausdruck für Antisemitismus in Europa". Er fügte hinzu: "Ich fordere die Behörden in Deutschland auf, weiterhin entschlossen gegen das Phänomen des Antisemitismus vorzugehen."

Bei dem Angriff legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Eine Frau wurde nach dpa-Informationen vor der Synagoge von tödlichen Schüssen getroffen. Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag sie auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt gegenüber der Synagoge. Das Opfer aus dem Döner-Imbiss war ein Mann.

Der Gemeinde-Vorsitzende Privorozki bestätigte, dass sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge richtete. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Aber unsere Türen haben gehalten."

Die Tat erinnert an den Anschlag eines Rechtsextremisten auf Muslime in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem Mitte März mehr als 50 Menschen getötet worden waren. Wie dieser Täter soll auch der Schütze von Halle eine Kamera auf dem Helm getragen haben. In den sozialen Netzwerken soll er ein Bekennervideo hochgeladen haben.

Darin ist ein junger Mann in einem Kampfanzug mit weißem Halstuch in einem Auto zu sehen. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. In dem Video sind auch mehrere Schießszenen zu sehen. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Das Video liegt dpa vor.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen hatte Stephan B. eine Verletzung am Hals, als er festgenommen wurde. Er soll nicht von der Polizei angeschossen worden sein, von daher könne nicht ausgeschlossen werden, dass er versucht hat, sich selbst zu töten. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Der Tatverdächtige war den Angaben zufolge noch ansprechbar. Er soll gesagt haben, sein Ziel sei es gewesen, in die Synagoge einzudringen. Auf seiner Flucht soll er einen Taxifahrer und zwei weitere Menschen bedroht haben. Dann habe er mit einem Wagen einen Unfall gebaut und sei festgenommen worden.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitsmus bestätigte der dpa nach einem Telefonat mit Privorozki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

US-Botschafter Richard Grenell sagte, zehn Amerikaner seien in der Synagoge gewesen. "Alle sind sicher und unverletzt", schrieb Grenell auf Twitter. Kanzlerin Angela Merkel informierte sich über die Lage und sprach den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid aus, wie Regierungssprecher Steffen Seibert twitterte. Die Solidarität gelte allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur. Am Abend nahm sie an einer Solidaritätsveranstaltung an der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin teil.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zur Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern auf. Bei einem Festakt zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig sagte Steinmeier am Mittwoch, ein solcher Angriff auf eine voll besetzte jüdische Synagogen schien in Deutschland nicht mehr vorstellbar. "Aus einem Tag der Freude ist ein Tag des Leids geworden." Er denke nun an die Angehörigen.

Die Stadt Halle sprach am frühen Nachmittag von einer "Amoklage" und rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Gebäuden zu bleiben. Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass mehrere bewaffnete Täter mit einem Auto auf der Flucht seien. Gegen 18.15 Uhr gab sie Entwarnung. "Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben", twitterte die Polizei. 

Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden mit Schussverletzungen in das Universitätsklinikum Halle gebracht, waren aber am Abend außer Lebensgefahr.

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse. Ein Zusammenhang zu Halle wurde zunächst von den Behörden aber nicht bestätigt.

In mehreren deutschen Städten wurde der Schutz von Synagogen verstärkt.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land."

Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli. Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewertete den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus".

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sagte: "Wir haben es in Halle mit Rechtsterrorismus und Antisemitismus zu tun." Er forderte, alle in Deutschland müssten jetzt zusammenhalten. "Das macht uns stark, Hass und Abgrenzung zurückzuweisen." Die Tat in Halle verletze "das Sicherheitsgefühl von uns allen" - das Gefühl, friedlich eine Synagoge zu besuchen oder einen Döner essen zu gehen.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sagte dem "Tagesspiegel": "Ein solcher Angriff am höchsten jüdischen Feiertag ist ein Alarmzeichen, das niemanden in Deutschland unberührt lassen kann." Die Tat mache sie traurig und wütend.

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Tweet Özdemir

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